Mode

In den Siebzigern wurde die Mode lässiger, unkomplizierter und origineller. Die Freiheiten der sechziger Jahre brachen nun vollends auf. Nichts war zu kurz, zu knapp, zu bunt oder zu stark gemustert. Alles wurde übertrieben: Revers, Manschetten, Ärmel, Aufschläge, Krawatten, Kragen und Blumenmuster waren total angesagt! Speziell in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bekam die Mode viele Gesichter: Verwandlungen und Verkleidungen wie «China-, Piraten-, Russinnen-Look» kamen auf. Mitte der siebziger Jahre konnte dann die Öko-Bewegung nicht mehr länger ignoriert werden. Die Modezeitschriften lieferten Anleitungen zum Selbermachen (liebe Grüsse an Anne Burda) von Patch-Work, Batik und Stricken. Typische Bekleidung der Alternativen: Gesundheitssandalen, Latzhosen oder Overalls, Hemden aus natürlichen Materialien und selbst gestrickte Pullover. Ein ganz anderer Stil hingegen war die Disco-Kleidung, in die Jugendliche zu mitternächtlicher Stunde schlüpften. Die Disco-Ära ist immer noch genial. Weniger schön war der starke Ausschlag für die Kleidung der Punks; das war in etwa 1977!

Die Modeschöpfer brachten originelle Modelle, Ideen und Anregungen. Aber die Käufer bestimmten, was Mode wird. Zu Beginn des Jahrzehnts hielten die Frauen an der Mini-Länge fest, obwohl die Haute Couture immer wieder wadenlang als neue Länge propagierte.

Ist das nicht genial? Die Menschen haben sich nichts diktieren lassen und hatten eine eigene Meinung und einen eigenen “guten Geschmack!”

Nostalgie-Welle
Auf die Mode früherer Zeiten zurückzublicken, galt als äußert schick. Die ersten Anhänger der Nostalgie-Welle kauften ihre Kleider und Accessoires in Trödelläden. Die Modeindustrie lieferte Imitationen aus vergangenen Jahrzehnten. Zu dieser Zeit kleideten sich Teenager wie Dreißigjährige.

Romantik-Look
Die Nostalgie-Welle brachte nicht nur Verruchtes und Vampartiges, sondern auch verspielt Romantisches. Wadenlange Kleider aus weißem Leinen, Baumwollkrepp und knöchellange Röcke mit üppigen Volants. Die jungen Frauen gaben sich verhüllt in Rüschenblusen mit Stehkragen, aber auch freizügig in Trägeroberteilen, die wie Mieder aus Ur Großmutters Zeiten gearbeitet waren. Der Folklore-Look der Haute Couture brachte nicht den erwarteten sensationellen Erfolg in der Massenmode. Trotzdem blieb dieser Stil bis 1980 aktuell. Der Markt wurde überschwemmt mit mexikanischen Ponschos, peruanischen Mützen und Handschuhen, bestickten Bauernblusen und bunten, lang befransten Bauerntüchern.

Punk
Der Punk-Stil (vom englischen: mies, hässlich) entstand in Londons Hinterhöfen. Ursprünglich war dies ein Protest-Stil der Punks gegen die Bekleidungsindustrie und die Mode-Medien. Obwohl der Punk-Stil bereits 1977 erstmals durch die Presse ging, verbreitete er sich nicht sofort. Die kurze Stachel-Frisur, grellbunt gefärbte Haare, Sicherheitsnadeln in Wange und Ohr, Hundeketten und schwarze Nappalederkluft mit zerschlissenem T-Shirt darunter lösten in der Bevölkerung einen zu großen Schock aus. Es dauerte bis Anfang der achtziger Jahre, als viele, auch nicht dieser Kultur angehörende Jugendliche, sich als Punks anzogen. Der Look wurde in den achtziger Jahren von Modeschöpfern zum Military-Look, Löcher- und Fetzen-Look gemacht.

Feministisch
Junge und zunehmend auch ältere Frauen im Umfeld der Frauenbewegung kleideten sich in Cordhosen, Jeans oder relativ weiten, «indischen» Stoffen. Im Sommer trugen sie T-Shirts und Blusen, im Winter Pullover, dazu Clogs, Halbschuhe oder Boots. Die Frauenbewegung entwickelte eine eigene Modesprache, die sich vor allem in der Farbe lila, hennarotem Haar und Latzhosen äußerte. Kleider und Röcke spielten kaum eine Rolle: der sonst oft getragene Minirock schien seine Trägerinnen zu Sexualobjekten zu machen; ebenso die Hot-Pants. Die Vermischung männlicher und weiblicher Kleidungsstücke war eine andere Facette der Aufnahme der Emanzipationsbewegung. Die Hosenanzüge und Kostüme hatten vor allem bequem zu sein. Ebenso der Büstenhalter, der mit folgendem Werbespruch verkauft wurde: «drückt nicht, zwickt nicht». Ein Jahrzehnt zuvor hatte er noch gelautet: «So gefallen Sie Ihrem Mann». Gegen Ende der siebziger Jahre entstand dann eine Art Managerinnen-Look: gestylte Frauen mit breiten Schultern, im Kostüm statt im Hosenanzug. Sie wurden sogar für nicht berufstätige Frauen zur modischen Orientierung, um Stärke auszudrücken oder sich diese wenigstens vorstellen zu können. 

Disco
Gegen Ende des Jahrzehnts etablierte sich für die Disco eine unkonventionelle bis extrovertierte Mode. Die weibliche Jugend trug als Oberteil Bodysuit, Trägerhemdchen mit Spitzeneinsatz oder Paillettenbestickung. Dazu gehörte ein hoch geschlitzter, hautenger Rock, Satinstretchhose, Boxershorts oder enge Röhrenjeans und flache Ballerinas oder Stiefeletten. Fluoreszierende Stoffe oder glänzende Materialien mit Metalleffektgarnen, Steinchen oder Pailletten verziert, wurden bevorzugt. Die Disco-Mode war “schick und schrill”.

Schuhe
Der Schuh rückte ins modische Blickfeld. Neben den – eher bodenständig-praktischen – Clarks und Clogs galten in den siebziger Jahren vor allem Plateauschuhe als der letzte Schrei. Alle angesagten Pop- und Rocksänger, von ABBA bis Elton John trugen Schuhe mit super hohen Absätzen. Das Original-Modell wurde von der britischen Designerin Barbara Hulanicki für eine Londoner Boutique entworfen. Obwohl die Ärzte immer wieder vor Rückgratschäden warnten, waren Plateauschuhe sowohl bei Frauen als auch bei Männern überaus beliebt. Es gab auch Schuhe mit Keilabsätzen, besonders Leinenschuhe mit Flechtwerk waren im Sommer angesagt. Mit Stiefeln, nicht nur im Winter, sondern auch im Frühling und Herbst, waren die Frauen und Männer jedes Jahr gut beraten. Neben hochhackigen City-Stiefeln gab es winterfeste Tundra-Stiefel mit warmer Lammfellfütterung. Ideal für den Winter waren auch die Moonboots. Teenager trugen eine Art Westernstiefel mit Steppnähten zu Jeans.

Bademode
Die Bademode befreite sich endgültig von jedem Zuviel an Textilien. Mit den Mini-Bikinis war man beim Feigenblatt, beziehungsweise beim Lendenschurz angelangt. Die Büstenhalter hatten keine Einlagen oder Verstärkungen mehr und die Höschen wurden seitlich nur mit einer dünnen Schnur zusammengehalten. Für nahtlose Bräune garantierten die 1972 aufgekommenen ”Piz Buin”-Suntex-Bikinis. Sie bestanden aus sonnendurchlässigem Stoff und ließen in nassem Zustand auch unliebsame Blicke durch. Wen selbst das Wenige an Textilien störte, der konnte bereits in den mondänen Badeorten, wie etwa an der Côte d’ Azur, das Oberteil ablegen und sich «oben ohne» sonnen.

Jeans
Jeans zählten jedes Jahr zur Grundausstattung. Und weil sie alle trugen, verlor die Jeans an Symbolgehalt. Die Jeansträger waren nun individuelle Personen. Sie hatten kein gemeinsames Ziel mehr wie in den Sechzigern, wo es um einen Protest der Jugendlichen ging. Jeans hatten keine nationalen, altersmäßigen oder sozialen Grenzen und wurden von Frauen und Männern getragen. Blue Denim wurde zum Material für jeden Zweck. Bikinis, Shorts, Bermudas, Overalls, Röcke, Jacken und Mäntel wurden daraus hergestellt und auch Möbel oder Wände damit überzogen. Jeans unterliegen aber auch dem modischen Wandel. In den siebziger Jahren wechselte sich die hellblaue, bestickte Jeans mit der dunkelblauen ab. Die Beine der Blue Jeans wurden hochgekrempelt und dazu kindliche Ringelsöckchen getragen (einfach grauenhaft!). Später wurde der Schlag größer und verdeckte schließlich den ganzen Fuß. Nur Becken und Hüfte blieben in jedem Fall eng. 1976 kam die Röhrenjeans auf, die vor allem den Po betonte. Erst die Nostalgie-Welle und der Punk der späten Siebziger führen die Jeans zum ursprünglichen Schnitt und zum Mythos der Rebellen zurück.

Hosen
Ungeachtet von Modestilen und Rocklängen stellten Hosen eine für jede Gelegenheit passende Kleidung dar. Niemand hätte mehr daran gedacht, an ihnen Anstoß zu nehmen. Als Anfang des Jahrzehnts der Kampf um die Kleidlänge entbrannte, griffen viele Frauen zur Hose. Von Hotpants und mini-kurzen Glockenhosen bis zu Knickerbockern aus Strick- und Wollstoffen reichte die Skala der Formen. Nicht zu vergessen: Die zeitlosen Hosen im Herrenstil, die auf der Hüfte saßen. Overalls aus grobem Leinen oder Jeansstoff und Latzhosen fanden Anklang. Schlosser- und Monteuranzüge waren Mode geworden. Am typischsten für die siebziger Jahre ist wohl die unter den Namen Schlag-, Glocken-, Twist- oder Trompetenhose bekannte Hose: tief sitzend, bis zu den Knien eng und zu den Füssen hin stark verbreitert und bevorzugt mit knallengen Pullovern getragen. Die Jeansausführung der Glockenhose sah man besonders häufig bei Happenings und Demos. Allen Modellen war, unabhängig vom verwendeten Stoff, gemein, dass man die unter der Glocke stehenden Plateauschuhe nur erahnen konnte.

Hotpants
1972, als man in punkto Kleidlänge unentschlossen war, sah man neben Mini-Kleidern auch für den Alltag Shorts. Hotpants - die «heißen Höschen» - wurden der große Modeschlager für die Jugend. Hotpants waren nicht nur eine Ferienmode; mutige Teenager trugen sie aus Strickstoff sogar in der kühleren Jahreszeit. Es gab auch Hotpants für den Abend aus Samt, Lurex oder Brokatstoff. Halblange Röcke wurden oft mit hohem Schlitz versehen, so dass beim Gehen das Bein sichtbar blieb und die Hotpants darunter hervorschauten.

Röcke
Dreimal (das erste Mal bereits 1969) versuchten Modedesigner, eine wadenlange Kleid- und Mantelmode einzuführen. Aber zweimal konnte sich der Mini durchsetzen. Die Mini-Mode wurde als jugendlich und praktisch angesehen. Frauen wollten nicht wie ihre Großmütter aussehen. Dennoch hatte es im Winter 1970 / 71 den Anschein, als sei die Mini-Länge vorbei. Doch im darauf folgenden Sommer kehrten die Frauen wieder zum Mini zurück und dies auch noch 1973. Erst die Nostalgie-Welle machte endgültig Midi zur allgemeinen Rocklänge. Ein Kompromiss zwischen kurz und lang waren Röcke im Schlitz-Look, die ein voller Erfolg wurden. Die midi-langen Röcke waren vorne offen und wurden teilweise von der Taille weg nur halb zugeknöpft. So blieb beim Gehen das Knie sichtbar.